Europa League, Gruppenphase!

30.08.2013 18:00

2013/14 ist die zehnte Saison, die der FC Thun in der höchsten Schweizer Liga spielt, und die fünfte, in welcher der Club an der Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb teilnahm. Und zum zweiten mal in seiner Clubgeschichte qualifizierte sich der Berner Oberländer Club nun für eine Europacup-Gruppenphase. Nach 2005/06 (CL) folgen jetzt erstmals Gruppenspiele in der Europa League. Am 30.08.2013 wurde der FC Thun der Gruppe G zugelost. Gegner sind: FC Dynamo Kiew, KRC Genk sowie der SK Rapid Wien.

Es war ein Meilenstein in der Geschichte des FC Thun: Am 26. Juli 2005 bestritt das bis dato international völlig unbekannte Team aus dem Berner Oberland erstmals eine Partie in der Champions League-Qualifikation. Die Thuner traten auswärts gegen das übermächtige Dynamo Kiew an, und rangen den Ukrainern völlig unerwartet ein 2:2 Unentschieden ab. Doch die wahre Überraschung folgte dann eine Woche später am 3. August 2005: im Stade de Suisse in Bern schlug der FC Thun das grosse Kiew mit 1:0. Die Chancen standen damals 1:16, dass der FC Thun in der 3. Runde auf den SK Rapid Wien trifft, doch das Los bescherte den Thunern den schwedischen Meister Malmö FF, den man sensationellerweise ebenfalls eliminierte. Es folgte das Highlight der mittlerweile 115jährigen Vereinsgeschichte des FCT: die CL-Gruppenphase, die man gegen Arsenal, Ajax Amsterdam und Sparta Prag bestritt. Unvergesslich!

Nun folgt also die zweite Teilnahme an einer Europacup-Gruppenphase, in welcher man auf den alten Bekannten aus CL-Qualifikations-Zeiten trifft, den FC Dynamo Kiew, und ausserdem wie erwähnt auf den SK Rapid Wien und den KRC Genk. Auch wenn es dieses Mal "nur" die Europa League ist, die Voraussetzungen sind dieselben wie bereits 2005: der FC Thun ist der klare Aussenseiter, unabhängig davon, wie unrealistisch gewisse Schweizer Journalisten die Ausgangslage einschätzen.

Gegner nicht unterschätzen

"Thun darf in diesem Pool (...) durchaus mit dem Weiterkommen liebäugeln. Mit Rapid befindet sich das Team von Urs Fischer auf Augenhöhe. Und auch gegen Genk ist es nicht chancenlos", so beurteilte die Sportinformation nach der EL-Gruppenauslosung die Chancen des FC Thun auf ein Weiterkommen. Dass man auch bei anderen Schweizer Medien die Gruppe G als "einfach" hinstellte (zumindest einfacher als St. Gallens Gruppe A), ist meiner Ansicht nach ein grosser Fehler. Denn einerseits wird man damit den drei Gegnern absolut nicht gerecht: jeder einzelne ist mehrfacher Landesmeister und verfügt über ein wesentlich teureres Kader. Dynamo Kiev hat einen Marktwert von 153,5 Mio Euro und ist 26facher Meister, Genk hat einen Marktwert von 53,5 Mio Euro und ist immerhin 3facher Meister. Genk ist übrigens zum vierten Mal in den letzten 13 Jahren Gegner eines Schweizer Teams. Der belgische Spitzenklub schaltete in der letzten Saison in der Europa-League-Qualifikation Luzern aus, in der Gruppenphase spielte er gegen Basel (zweimal unentschieden 2:2/0:0), Lissabon und Videoton und wurde Gruppenerster. Die Einschätzung, dass der FC Thun (MW 9,9 Mio Euro, keine Titel) z.B. auf Augenhöhe mit dem 32fachen (!!) Landesmeister von Österreich ist (MW 16,5 Mio), scheint mir dann doch sehr arrogant und fördert ausserdem eine völlig unrealistische Erwartungshaltung gegenüber dem FC Thun. Zugegeben, der FC Thun spielt international oftmals stärker auf als in der heimischen Meisterschaft und hat in den EL-Playoffs mit Partizan Belgrad bereits einen Serien-Landesmeister ausgeschaltet, aber ein wenig mehr Realitätssinn würde manchem "Experten" trotzdem gut anstehen. Sollte der FC Thun dann doch besser abschneiden, als es nach Papierform anzunehmen wäre, sollte das nicht als selbstverständlich betrachtet werden.

 

Spielplan Gruppe G:

Datum Zeit Heimteam   Auswärtsteam
19.09. 21:05 FC Thun - SK Rapid Wien
03.10. 19:00 KRC Genk - FC Thun
24.10. 19:00 Dynamo Kiew - FC Thun
07.11. 21:05 FC Thun - Dynamo Kiew
28.11. 19:00 SK Rapid Wien - FC Thun
12.12. 21:05 FC Thun - KRC Genk

 

Bisherige Resultate EL-Qualifikation 2013/14:

Mannschaft Gegner    
FC Thun

Tschichura Satschchere (2. Runde)

BK Häcken (3. Runde)

Partizan Belgrad (Playoff)

2:0

2:1

0:1

3:1

1:0

3:0

SK Rapid Wien

Asteras Tripolis (3. Runde)

FC Dila Gori (Playoff)

1:1

1:0

3:1

3:0

KRC Genk Hafnarfjördur (Playoff) 2:0 5:2
Dynamo Kiew FK Aqtöbe (Playoff) 3:2 5:1

 

Rückblick Playoffs gegen Partizan Belgrad

Am 22. August 2013 bestritt der FC Thun in Belgrad das Hinspiel der EL-Playoffs gegen Partizan, das als grosser Favorit galt. Viele erwarteten eine drückende Überlegenheit der Serben, mit Chancen im Minutentakt, aber unüberwindbar präsentierte sich das Heimteam nicht wirklich. Zwar waren die Belgrader in den ersten 45 Minuten und streckenweise auch in der 2. Halbzeit tatsächlich die spielbestimmende Mannschaft, und ohne einige tolle Paraden von Thun-Goalie Faivre hätte Partizan bereits in der ersten Halbzeit in Führung gehen können. Doch schliesslich fiel das durchaus verdiente 1:0 für die Gastgeber erst in der 70. Minute (schönes Tor von Jojic). Nach der Pause zeigten sich die Thuner weniger eingeschüchtert durch das Renommee des Belgrader Clubs und die beeindruckende Kulisse der Grobari, und erarbeiteten sich immer mehr Chancen (vor allem in den ersten 15 Minuten und am Ende der 2. HZ), aber fehlende Präzision im Abschluss, mangelndes Glück aber auch einige fragwürdige Entscheidungen des ukrainischen Schiedsrichters (vor allem die nicht geahndete Behinderung eines Thuner Spielers am gegnerischen Strafraum gab zu reden), verhinderten das von den Thunern erhoffte und durchaus machbare Unentschieden. Die Ausgangslage fürs Heimspiel war also nicht perfekt, aber trotzdem hatten die Thuner noch eine Chance.

Im Berner Oberland wusste man: einen Eintorerückstand aufzuholen ist zwar möglich, aber ohne eigenen Auswärtstreffer ist bereits ein Zweitorevorsprung für ein Weiterkommen nötig, sollte man im heimischen Stadion einen Gegentreffer kassieren. Für das Rückspiel vom 29. August galt somit: kein Gegentor zulassen. Schon früh in der Partie wurde offensichtlich, dass der Glaube an einen Erfolg bei den Thunern absolut intakt war. Zwar kamen auch die Belgrader hin und wieder mal gefährlich in die Nähe des Thuner Strafraums, trotzdem war es der FC Thun, der schliesslich einen ungefährdeten 3:0-Sieg einfuhr und sich damit für die EL-Gruppenphase qualifizierte. Bei diesem Spiel seien noch einige diskussionswürdige Szenen erwähnt:

A) In der 4. Minute kam es im Strafraum der Belgrader nach einem Corner der Thuner zu einem nicht geahndeten Handspiel. Der Eckball wurde von Lüthi ausgeführt. Hediger sprang hoch, scheiterte aber beim Versuch den Ball per Kopf anzunehmen. Derweil stand Volkov direkt neben/hinter Hediger und von Volkovs Unterarm aus (es gab eine Bewegung zum Ball), prallte der Ball zu Hediger und von dort ins Aus. Die Refs entschieden auf Abstoss, statt auf Hands.

B) In der 22. Minute wurde zunächst Christian und dann Marco Schneuwly im Strafraum der Serben von hinten gestossen und gefällt. In der ersten Situation bestand tatsächlich kein Grund abzupfeiffen. Im zweiten Fall (bei Marco) musste man zwar ebenfalls nicht zwingend auf Penalty entscheiden, aber es wäre durchaus vertretbar gewesen.

C) In der 25. Minute erzielte der Belgrader Mitrovic ein Tor, welches wegen Offsides aberkannt wurde. Wenngleich die Belgrader die Richtigkeit dieses Entscheids anzweifeln: er war korrekt, wenngleich es hier wirklich nur um Zentimeter ging (ähnlich knapp war wahrscheinlich das Offside von Wittwer in der 64. Minute, das ebenfalls angezeigt wurde).

D) In der 43. Minute reklamierten die Belgrader ein Handspiel von Sulmoni, dem der Ball im fallen an die Hand springt. Der Schiedsrichter winkte ab. Persönlich denke ich: das hätte einen Penalty für Belgrad geben dürfen, wenn nicht gar müssen. Ich betrachte diesen nicht gegebenen Penalty als Kompensation (vor allem im Hinspiel in Belgrad aber ev. auch an diesem Abend - 4./22. Minute - hätte man auch für Thun einen Penalty pfeiffen können).

E) In den Schlussminuten kassierten die Belgrader zwei gelbe (85./87.) und eine rote Karte (90.). Jede dieser Szenen für sich allein betrachtet, ist klar zu hart geahndet, vor allem die rote Karte gegen Aksentijevic, der dem Thuner Wittwer nur einen leichten Klaps ins Gesicht verpasste, schien mir ungerechtfertigt (da hätte man auch Wittwer eine gelbe zeigen können, der sich zuvor bei einem Kopfballduell bei Aksentijevic abstützte). Aber alle drei Spieler wurden zuvor bereits wegen eines Vergehens ermahnt und die Karte kassierten sie aufgrund eines wiederholten Fehlverhaltens.

All diese Szenen in Betracht ziehend, halte ich den 3:0-Sieg des FC Thun für verdient - auch in dieser Höhe.